Messing gegen das Vergessen

Momente voller Emotionen lagen am Mittwoch in der Luft. In Anwesenheit zahlreicher Nachfahren jüdischer Familien wurden im Stadtgebiet weitere Stolpersteine verlegt.

Eingelassen in den Bürgersteig, erinnern die Gedenksteine mit einer Messingplatte an die tragischen Schicksale von Menschen, die während des nationalsozialistischen Regimes verfolgt, deportiert, ermordet, in den Tod oder in die Flucht getrieben wurden. 19 neue Stolpersteine an acht verschiedenen Orten haben an diesem Mittwoch ihren Platz gefunden. Damit liegen nun insgesamt knapp 380 Stolpersteine in den Chemnitzer Gehwegen.

Tana Sachs (3. von links) war mit ihrem Sohn Alejandro Limbrunner und dessen Frau Maria aus Kanada zur Stolpersteinverlegung für ihre Mutter Hanna Luise Sachs angereist. Bürgermeister Ralph Burghart (2. von links) begleitete sie zum soeben feierlich verlegten Stolperstein Foto: Kathrin Neumann

Es sind Augenblicke, die nachwirken: Als Tana Sachs an der Eulitzstraße 7 steht und auf den Stolperstein für ihre Mutter Hanna Luise Sachs, geborene Cohn, blickt, wird ihr die Dimension bewusst. »Ich bedanke mich bei allen, die mit viel Arbeit und Enthusiasmus alles tun, um die Geschichte in die heutige Zeit zu bringen.« Die Geschichte, die auch die ihre ist. 

Tana Sachs ist eines der letzten jüdischen Kinder, die in Chemnitz während des Holocaust geboren wurden. Sie kam am 28. Dezember 1938 in Chemnitz zur Welt, kurz bevor ihre Mutter Hanna Luise Sachs im April 1939 ihrem Ehemann Gerhard Sachs nach Argentinien folgen konnte. Tanas Vater war bereits im April 1938 in Richtung Buenos Aires aufgebrochen. In Argentinien lebten die Eheleute bis zu ihrem Tod. 

»Meine Mutter war eine bemerkenswerte Erzählerin und gute Beobachterin. Ich bin mit den Anekdoten über die deutsche jüdische Gesellschaft hier in Chemnitz groß geworden. Unsere Familiennamen sind nur ein kleiner Teil der Gemeinde, aber doch ein Teil der Ereignisse der Weltgeschichte.« 

Tana Sachs lebt heute in Kanada und war zur Stolpersteinverlegung extra angereist. Damit gehörte sie zu den knapp 60 Nachfahren jüdischer Chemnitzer Familien, die diese Woche für ein Begegnungstreffen in der Stadt weilten. 

Höhepunkte dieses Treffens, das der Verein Buntmacher*innen e. V. in Kooperation mit der Stadt Chemnitz organisiert hatte, war neben der Stolpersteinverlegung die Eröffnung der Ausstellung »Threads – Verflechtungen« im smac, die ausgewählte Biographien einst in Chemnitz lebender jüdischer Familien zeigt. »Die Stolpersteine sind schon lange kein losgelöstes einzelnes Projekt mehr, sondern wirken tief in die Stadtgesellschaft hinein«, sagte Bürgermeister Ralph Burghart bei der Verlegung des Steins für Hanna Luise Sachs. »So werden alle Stolpersteine am 9. November von vielen verschiedenen Gruppen gereinigt. Sie werden von Schülerinnen und Schülern genutzt, um mehr über die Geschichte der eigenen Stadt zu erfahren. Sie werden von Angehörigen besucht. Und es finden sich jedes Jahr Paten, die helfen, das Projekt zu finanzieren und umzusetzen.«


Nachfahren jüdischer Chemnitzer Familien verewigen sich im Goldenen Buch der Stadt

Foto: Uwe Meinhold

Die Nachfahren von 22 jüdischen Familien, die einst in Chemnitz lebten, sind in dieser Woche zu Gast und haben sich auf Einladung von Oberbürgermeister Sven Schulze in das Goldene Buch der Stadt eingetragen. Sie kommen aus Deutschland, Großbritannien, den Niederlanden, der Schweiz, Neuseeland, Australien, Kanada, Portugal, Schweden, den USA und Israel. Im landesweiten Themenjahr »Tacheles 2026 – Jahr der jüdischen Kultur in Sachsen« reisten sie für ein Begegnungstreffen jüdischer Familien nach Chemnitz. Organisiert wurde dieses vom Buntmacher*innen e. V. in Kooperation mit der Stadt Chemnitz. Weitere Höhepunkte des Begegnungstreffens waren die Verlegung von Stolpersteinen sowie die Eröffnung der Ausstellung »Threads – Verflechtungen« im smac.